Risiken und Nebenwirkungen des EMS Trainings

Von der Klatschpresse verspottet, von Gegnern verteufelt, von Herstellern gepriesen – kaum ein High-End-Training wird derzeit so kontrovers diskutiert wie die elektrische Muskelstimulation, kurz EMS-Training. Bei der Ganzkörper-Elektromyostimulation (WB-EMS) wird durch einen speziellen Trainingsanzug gezielt nieder- oder mittelfrequenter Reizstrom durch den Körper geleitet, um den Trainingseffekt in kürzester Zeit auf Spitzenwerte zu treiben.

Das klingt für den Neuling zunächst abstrus oder gar gefährlich, ist aber schon lange ein bewährtes Mittel in der Rehabilitationstherapie durch den gezielten Muskelaufbau nach Operationen oder Verletzungen. Tatsächlich schwören Spitzensportler, Sportwissenschaftler und natürlich die Hersteller auf die vielen positiven Effekte, die das Training mit sich bringt.

In einigen wissenschaftlichen Studien wurde die Wirksamkeit des EMS-Trainings klar bewiesen. Doch genau hier sehen die Kritiker Schwachstellen und warnen vor den potentiellen Gefahren durch die Nutzung der gegenwärtigen Systeme.​

Einen kritischen TV-Beitrag zum Thema EMS-Training inklusive Expertenmeinung können Sie hier anschauen: ​

Die Studien seien nicht wirklich aussagekräftig, weil sie sich jeweils auf eine Dauer von nur wenigen Wochen beziehen. Der überragende Trainingseffekt von bislang untrainierten Menschen sei dahingestellt – zumindest ohne einen realistischen Vergleichswert, der sich bei diesen Personen durch ein alternatives konventionelles Muskeltraining eingestellt hätte. Dagegen wiederum könne man Langzeitstudien an Spitzensportlern nicht als wirklich relevant betrachten, da deren körperliche Verfassung nicht denen der breiten Masse entspreche.​

Hinzu kommen Einzelfälle von Laiensportlern, die durch die Durchführung eines EMS-Trainings schwere körperliche Schäden erlitten haben und deren abschreckende Leidensgeschichte durch die Presse geistert.

Der Spiegel etwa berichtet vom Fall der Manuela D., die bereits nach der dritten Anwendung unter schweren Kreislaufproblemen und noch Wochen später an den körperlichen Nachwirkungen des völlig überanstrengten Körpers zu leiden hatte.

Im selben Artikel wird ein weiteres Fallbeispiel genannt, in dem eine anonyme "gesunde Sportlerin" von ihrem EMS-Trainer derart an ihre Grenzen getrieben worden sei, dass schwerste akute Folgeerscheinungen aufgetreten seien: "Tagelang war sie nicht in der Lage aufzustehen, ihr Kreislauf musste stabilisiert werden. Im Krankenhaus stellten die Ärzte auch bei ihr eine Zerstörung der Skelettmuskulatur fest, eine sogenannte Rhabdomyolyse, ihr CK-Wert lag bei 26.000 U/l“. Ihre Nierenfunktion habe nur noch durch Infusionen aufrechterhalten werden können.​

Lebensbedrohliche Blutwerte, Zerstörung der Muskeln, Nierenversagen. Alles eine Folge von kontrolliertem EMS-Training?

Ein Exkurs zur Reaktion des Körpers auf Überbelastung mit Bezug auf EMS-Training​

Was ist Creatinkinase?​

Der CK-Wert gilt als klassischer Parameter der Muskelfaserschädigung.

Die Creatinkinase ist das entscheidende Enzym, welches für die Leistung unserer Muskeln verantwortlich ist. Sie reguliert den Energiespeicher in allen Muskelzellen. Ohne Creatinkinase gibt es keine Muskelkontraktion, also keine Bewegung.

Es gibt eine Reihe von Indikatoren, durch die CK ins Blut gerät und dort in hohen Konzentrationen nachgewiesen werden kann. Dazu gehören neben Überbelastung und Sauerstoffmangel auch Herzinfarkte und Herzerkrankungen, Muskelstörungen wie Muskelschwund und Muskelauflösung, Verbrennungen, Stromunfälle, einschlägige Krankheiten wie Morbus Parkinson, Vergiftungen, Drogenkonsum und Infektionen. Aber auch extreme Kraft- oder Ausdauerbelastung, Geburten, Operationen, Impfungen und Stürze können zu einem zu hohen CK-Wert im Blut führen.

Wie kann es durch EMS-Training zu einem drastisch erhöhten CK-Wert kommen?​

Dass der CK-Wert bei großer körperlicher Anstrengung in Abhängigkeit vom Trainingszustand ansteigt, ist ein in einschlägigen Kreisen bekanntes physiologisches Naturphänomen, das normalerweise keine krankhaften Folgen nach sich zieht.

Wo ein gesunder Körper allerdings selbst eher zusammenklappt und den Sporttreibenden zwingt, sich keuchend und schwitzend auf eine Bank zu setzen, werden beim EMS-Training die Muskeln von außen auf eine Weise stimuliert, die durch ein normales Training gar nicht machbar wäre. Ergo kann der Körper auch nicht rechtzeitig "Stopp" sagen – der natürliche Schutz vor Überbeanspruchung wird durch die moderne Technik elegant umgangen.

Was ist eine Rhab​domyolyse?

​Die Medizin definiert eine Rhabdomyolyse als Nekrose der quergestreiften Skelettmuskulatur unter Freisetzung von intrazellulären Muskelbestandteilen wie unter anderem Myoglobin (Muskelfarbstoff) mit konsekutiven Elektrolyt- und Nierenfunkionsstörungen.

Im Klartext bedeutet das, dass diejenigen Muskeln, die einer der Willkür unterliegenden, bewussten Bewegung dienen, absterben und deren einzelne Bestandteile ins Blut übergehen, wo sie wiederum den gesamten Nährstoffgehalt des Körpers durcheinanderbringen und letztendlich in der Niere ankommen, die eine derartige Flut von schädlichen Substanzen nicht kompensieren kann und völlig überlastet den Geist aufgibt.

Ein derartiger Gewebeuntergang oder auch Gewebetod ist naturgemäß nicht reversibel, lässt sich also nicht rückgängig machen. Die Folge kann ein Leben in Dialyseabhängigkeit sein oder im Extremfall ein frühzeitiges Ableben.​

Kann EMS-Training die Muskeln irreversibel zerstören?​

Ein hoher CK-Wert KANN zu einer Rhabdomyolyse führen, wie die oben genannten Beispiele zeigen. Es gibt allerdings keine aussagekräftigen Studien, die einen Hinweis darauf liefern würden, wann und in welchen individuellen Fällen das eine zwangsläufig zum anderen führen würde.

Wie kann es durch EMS-Training zu einem akuten Nierenversagen kommen?

Auch wenn es trotz eines erhöhten CK-Wertes nicht zu einer Muskelzerstörung kommt, müssen doch die Nieren sämtliche ungeplanten Freisetzungsprodukte, die ihnen über das Blut zugeführt werden, verarbeiten und wieder einen Normalzustand herbeiführen.​

Beim Überschreiten einer nicht exakt definierbaren Schwelle können die Nieren infolge einer resultierenden übermäßigen Belastung Schaden nehmen. Wird dieser nicht rechtzeitig erkannt und ein belastendes Training trotzdem fortgeführt, kann ein kompletter Ausfall der Nierenfunktion (Nierenversagen) eintreten.​

Verstärkt wird die Gefahr einer Organschädigung durch eine zu geringe Flüssigkeitsaufnahme vor und nach dem Training. Auch wenn es ganz leicht aussieht – das EMS-Training ist anstrengend und verlangt dem Körper ein Vielfaches dessen ab, was er unter normalen Bedingungen leisten muss. Das merkt jeder, der nach zwei Minuten intensiven Trainings heftig ins Schwitzen gerät. Wird der Flüssigkeitshaushalt des Körpers nicht genügend aufgefüllt, kann die Niere nicht richtig arbeiten und zeigt ebenfalls Überlastungssymptome.​

All die oben genannten Negativbeispiele von EMS-Training haben eines gemeinsam: Das Training wurde ohne oder nach sehr wenig Vorbereitung absolviert, teilweise sogar unter starken Schmerzen und entschieden gegen das Wohlbefinden des Trainierenden.

Auch die Protagonistin in Alexandra Reinwarth's Buch "das Fitnessprojekt" hat die Trainingsmethode getestet und gibt ihre Erfahrungen auf unterhaltsame Weise zum Besten. Für einen ernsthaften Sportler ist klar: Eine derartig blauäugige Herangehensweise ist an lebensbedrohlichem Leichtsinn kaum noch zu überbieten.

Man darf nicht außer Acht lassen, dass es sich beim EMS-Training um eine sogenannte High-End-Methode handelt. Sie wird dann interessant, wenn sich der gewünschte Trainingseffekt nicht schnell genug einstellt und bietet eine Abkürzung über die moderne Technik. Schwimmen im Strömungskanal, Lauftraining in der Hypoxie-Kammer oder Kryotherapie wären vergleichbare Angebote für Spitzensportler, deren Leistung sich durch normales, zeitintensives Training nicht in gewünschtem Maße verbessern lässt.​

Alle extremen High-End-Trainingsmethoden bergen gesundheitliche Risiken und sollten nicht ohne ärztliche Betreuung durchgeführt werden.

Oder würden Sie in untrainiertem Zustand auf eigene Faust ein exzessives Höhentraining absolvieren?

Ist EMS-Training gefährlich?

Stellen Sie sich folgende Frage: Ist es gefährlich, sich an das Steuer eines Rennwagens zu setzen und eine Runde durch den Berliner Stadtkern zu fahren, wenn Sie nicht im Besitz eines Führerscheins sind? Ist es ebenso gefährlich, wenn Sie stattdessen einen VW Käfer mit dem Fahrlehrer an Ihrer Seite über eine abgelegene Landstraße navigieren?​

Jedes Mittel hat ein Maß. Wo große Chancen sind, sind oft auch große Risiken. Die Kunst ist, das eine gegen das andere abzuwägen und eine heilsame Mitte zu finden.

Selbstverständlich darf man die potentiellen Auswirkungen des EMS-Trainings nicht herunterspielen, doch man sollte allen in der Klatschpresse gehypten Verurteilungen zum Trotz nicht das Gesamtbild außer Acht lassen. Tatsächlich, so könnte man sagen, steigt der CK-Wert bei EMS-Training AUCH an und kann bei fahrlässiger Ausführung ein gefährliches Maß übersteigen und dramatische körperliche Schäden hervorrufen.​

Jedoch – das größte Risiko beim EMS-Training ist nicht der Strom, der durch Ihren Körper fließt. Auch nicht die Geräte, sofern Sie den Qualitätsstandards entsprechen. Auch die Bewegungen, die Sie während des Trainings ausführen, stellen nicht die eigentliche Gefahr dar.

EMS-Training wird erst dann zu einer lebensbedrohlichen Angelegenheit, wenn fahrlässig, naiv und verantwortungslos damit umgegangen wird. Im Zentrum steht ein ausgewogenes Verhältnis der körperlichen Leistungsfähigkeit und eine daran angepasste Stimulation. Die Verträglichkeit von EMS-Training richtet sich nach individuellen Parametern wie Alter, Statur, Trainingsniveau, Stresslevel, Ernährung und Wassergehalt des Körpers.​

Worauf Sie achten sollten, wenn Sie sich für das EMS-Training interessieren​

Studioqualität

Folgende Empfehlungen richten sich an Anfänger und Neulinge im EMS-Sektor:

  • Wenn Sie irgendwo eine informationsfreie Werbeanzeige mit einem Sonderangebot für EMS-Training von Unbekannt sehen – ignorieren Sie sie!
  • Wenn Ihnen verführerisch billige EMS-Geräte ohne Qualitätsnachweis aus einem Schaufenster entgegenlachen – lassen Sie es!
  • Wenn Sie Ihr Trainer ohne weiteres Nachfragen unter Strom setzen will – laufen Sie!

Seriöse Anbieter qualitativ hochwertiger Produkte warnen vor dem Trainingseinstieg ohne Aufsicht und mit mangelhaften Geräten. Das A und O bei EMS lautet Kontrolle. Sie können Ihrem Körper tatsächlich schwere Schäden zufügen, ähnlich denen, die Sie erleiden müssten, wenn Sie allein mit einem kaputten Fallschirm in 10.000 Metern Höhe aus einem Flugzeug springen würden.

Sind Sie erst einmal mit der Benutzung von EMS-Geräten vertraut und können Ihre individuelle Leistungsbereitschaft sicher einschätzen, spricht nichts gegen die verantwortungsvolle Anwendung einwandfreier Produkte im Heimgebrauch.

Körperliche Verfassung

  1. Sie erwarten von Ihrem Körper aus dem Stand heraus Höchstleistungen. Dafür sollte er bereit sein. Lassen Sie einen gründlichen Gesundheitscheck bei Ihrem Hausarzt durchführen. Achten Sie auf Faktoren wie Grippeinfektionen und lassen Sie sich nicht von einem übermäßigen Leistungsdruck zu verhängnisvollen Fehlentscheidungen hinreißen.​
  2. Achten Sie auf eine gesunde, den Organismus unterstützende Ernährung. Für den Muskelaufbau benötigt der Körper wichtige Nährstoffe. Sollten diese nicht zur Verfügung stehen, kann sich der gesamte Trainingseffekt glatt ins Gegenteil verkehren. Testen Sie ruhig Ihren EMS-Coach, er sollte Sie vor Beginn des Trainings auf die korrekte notwendige Ernährung hinweisen und imstande sein, Ihnen einschlägige Tipps zu geben.​
  3. Trinken Sie ausreichend Wasser, Tee oder verdünnte Fruchtsäfte! Ihre Nieren werden es Ihnen danken.​
  4. Bei plötzlich einsetzenden Kreislaufproblemen oder gar Schmerzen SUCHEN SIE SOFORT EINEN ARZT AUF. Auch, wenn diese Symptome erst einige Tage nach dem Training auftreten.

Vom Richtigen das richtige Maß

Informieren Sie sich gründlich über verschiedene Systeme und deren Eigenheiten. Probieren Sie zunächst ein bisschen herum, bevor Sie sich entscheiden.

Niederfrequenter Strom wird von den meisten Anwendern als schmerzhafter empfunden als mittelfrequenter. Auch die Tatsache, dass Letzterer ohne Zugabe von Wasser funktioniert, steigert die Akzeptanz und das Wohlbefinden während des Trainings.

Wenn Sie das Gefühl haben, Sie müssten sich zum Training zwingen, wird es Ihnen schwerer fallen, den Grad zu erkennen, an dem ein ungutes Gefühl zu einem echten Unwohlsein wird.

Beginnen Sie langsam und steigern Sie Ihre Trainingsintensität Stück für Stück. Mit der EMS-Trainingsmethode erzielen Sie größere Erfolge in kürzerer Zeit als mit vergleichbaren Trainingskonzepten. Es besteht kein Grund, diesen Effekt noch weiter ausreizen zu wollen!

Trainieren Sie ganzheitlich

Durch EMS-Training werden auch die Muskeln angesprochen, die Sie sonst gar nicht oder kaum erreichen, wie etwa die Beckenbodenmuskulatur, die sich besonders bei Frauen nach einer Schwangerschaft durch eine latente Inkontinenz bemerkbar macht. Das Ziel soll eine umfassende Kräftigung der Gesamtmuskulatur sein und damit eine insgesamt größere körperliche Fitness.​

Ein großer Vorteil des EMS-Trainings liegt in den positiven Nebeneffekten auf das Bindegewebe und die Durchblutung sowie in der Schonung der Gelenke und sonstiger passiver Strukturen, die unter gewöhnlichen exzessiven Trainingseinheiten mitunter stark beansprucht werden.

Sollten Sie allerdings einen funktionellen Muskelzuwachs erzielen wollen, sollten Sie zusätzliche Trainingseinheiten einplanen, die Ihrer Koordination und Ausdauer zugute kommen. Laufen und Schwimmen gehören zu den effektivsten Begleitsportarten, mit denen Sie den Erfolg Ihres EMS-Trainings unterstützen können.